

The talk will be held by Chun-Shik Kim, former RWTH Kármán-Fellow at c:o/re, in German.
Abstract:
Die zeitgenössische Transformation der globalen Wissensgesellschaft durch die rasante Durchdringung mit generativer Künstlicher Intelligenz (KI) stellt keine bloße technologische Evolution dar, sondern eine fundamentale anthropologische Zäsur. In einer Epoche, in der algorithmische Systeme zunehmend kognitive, kreative und diskursive Vorrechte des Menschen präemptieren – vom autonomen Verfassen akademischer Texte bis hin zur automatisierten Synthese ästhetischer Artefakte –, gerät das traditionelle Selbstverständnis des Homo sapiens als singuläres denkendes Subjekt in eine existenzielle Krise. Vor diesem Hintergrund fungiert Südkorea, als eine der am stärksten digitalisierten und technologisch am weitesten fortgeschrittenen Gesellschaften der Gegenwart, als ein globales, empirisch hochgradig relevantes „Frühwarnsystem“. Die dort sichtbaren Entwicklungen erlauben es, die tiefgreifenden Konsequenzen der KI-Revolution und des ubiquitären Konsums algorithmisch optimierter Kurzinhalte auf die menschliche Kognition, die psychische Vulnerabilität und die Mechanismen der sozialen Kohäsion ex ante zu analysieren.
Ein zentraler Fokus des Vortrags liegt auf der kritischen Dekonstruktion der aktuellen Krise der menschlichen Lesekompetenz (Literalität). Empirische Befunde aus der südkoreanischen Bildungslandschaft der letzten Jahre zeichnen ein alarmierendes Bild: Über alle Altersgruppen hinweg ist ein signifikanter Rückgang der Fähigkeit zum tiefen, linearen und hermeneutischen Lesen zu verzeichnen. Diese Entwicklung korreliert kausal mit der Etablierung einer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, die primär auf die Rezeption algorithmisch gesteuerter Kurzvideoformate (sog. „Shorts“, „Reels“ oder „TikTok-Feeds“) ausgerichtet ist. Kognitionswissenschaftlich und neurobiologisch lässt sich zeigen, dass dieser permanente, fragmentierte Reizstrom das menschliche Gehirn auf ein rein diskontinuierliches, reaktives Rezipieren konditioniert. Die synaptische Fähigkeit, komplexe, textbasierte Argumentationsketten gedanklich zu durchdringen, logische Inkonsistenzen zu identifizieren und eigenständige Abstraktionsleistungen zu erbringen, wird dadurch systematisch atrophiert. Im interkulturellen Vergleich mit europäischen, insbesondere deutschen Bildungs- und PISA-Daten wird deutlich, dass es sich hierbei nicht um ein isoliertes ostasiatisches Phänomen handelt, sondern um eine universelle Pathologie der digitalen Moderne.
Parallel zum kognitiven Abbau manifestiert sich in Südkorea eine soziopsychiatrische Krise von beispiellosem Ausmaß. Seit dem Jahr 2020 ist eine dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen, insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, zu beobachten. Die Fallzahlen und Beratungsanfragen an schulischen und akademischen psychologischen Diensten verzeichnen innerhalb eines Fünfjahreszeitraums einen Anstieg von über 40 Prozent. Phänomene wie extreme soziale Isolation, pathologische Angststörungen und chronisch-depressive Episoden weisen eine statistisch signifikante Korrelation mit exzessivem, dysfunktionalem Smartphone- und KI-Konsum auf. Der Vortrag bettet diese Befunde in einen sozialpsychiatrischen Kontext ein und argumentiert, dass die Entfremdung von der physischen Realität und die Substitution genuiner interpersoneller Interaktionen durch algorithmische Feedbackschleifen die psychische Resilienz des modernen Subjekts systematisch untergraben. Diese epidemiologische Entwicklung liefert drängende Impulse für eine transnationale präventive Bildungs- und Gesundheitspolitik.
Auf einer tieferen philosophischen und anthropologischen Ebene führt die permanente digitale Reizüberflutung zu dem, was als synästhetischer Verfall bezeichnet werden muss – dem Verlust der Fähigkeit, diverse Sinnesmodalitäten kreativ, emotional und hermeneutisch miteinander zu verknüpfen. In theoretischer Anlehnung an Peter Sloterdijks Konzepte der anthropotechnischen Selbstformung sowie an das evolutionär-soziologische Theorem der „domestication by choice“ (der freiwilligen Verhaltensvereinfachung und kognitiven Selbstunterwerfung unter technologische Entlastungsarchive) analysiert der Vortrag die Dialektik der digitalen Befreiung. Indem der Mensch fundamentale kognitive Prozesse an KI-Systeme delegiert, entzieht er seinen eigenen geistigen Vermögen den notwendigen Widerstand. Die Folge ist eine paradoxe Verengung des sensorischen, imaginativen und kognitiven Repertoires. Das Staunen, das spekulatieve Erfinden und das genuine Fragen – als Kernmerkmale des Humanum – drohen in einer technologisch kuratierten Passivität zu erlöschen.
Gegen diese dystopischen Tendenzen artikuliert der Vortrag eine dezidiert konstruktive, bildungsphilosophische Gegenposition. Im Zentrum steht hierbei die theoretische Fundierung des in der koreanischen Reformdiskussion geprägten Begriffs des „Gedankenmuskels“ (Mind Muscle). Dieses Konzept zielt auf die systematische, curative Rekultivierung der kognitiven Resilienz, der imaginativen Kapazität und der sprachlichen Souveränität des Subjekts. Historisch-philosophisch inspiriert wird dieser Ansatz durch das Vermächtnis des späteren südkoreanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers Kim Dae-jung (1925–2009). Dieser hatte während seiner politischen Hafthaft unter akuter Todesgefahr in seinen berühmten Gefängnisbriefen ein humanistisches Bildungsmanifest formuliert, das die „geistige Erhebung des Menschen“ und die unbedingte Bewahrung der inneren Freiheit als ultimatives Ziel jeglicher Pädagogik proklamierte.
Der Vortrag plädiert abschließend für eine transnationale Renaissance des fragenden, selbstdenkenden Subjekts. Nur durch eine bildungspolitische und philosophische Neuausrichtung, welche die Ausbildung tiefer Literalität und die Stärkung des kognitiven Widerstandes gegen die algorithmische Sedierung priorisiert, kann die internationale Wissenschaftsgemeinschaft der Gefahr einer technologisch induzierten Selbstdomestizierung des Menschen wirksam begegnen.